Max Reinhardt: Wie der österreichische Regisseur das Theater revolutionierte und die Salzburger Festspiele gründete

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Max Reinhardt war nicht nur Regisseur. Er war eine Naturgewalt, die die gesamte Aufführungslandschaft des 20. Jahrhunderts neu gestaltete. Der 1873 in Baden bei Wien geborene österreichische Machthaber baute sein Imperium in Berlin, Salzburg, New York und Hollywood auf. Er inszenierte nicht nur Theaterstücke. Er veränderte die Art und Weise, wie das Publikum sie erlebte.

Er war auch an der Gründung der Salzburger Festspiele beteiligt, einer Veranstaltung, die nach wie vor zu den prestigeträchtigsten Kulturveranstaltungen der Welt zählt. Doch bevor er König von Salzburg wurde, war er nur ein weiterer schüchterner Junge aus einer jüdischen Familie in Österreich, der darum kämpfte, seine Stimme zu finden.

Entdeckung des Theaters

Reinhardt war das älteste von sieben Kindern von Wilhelm und Rose Goldmann. Seine Eltern waren orthodoxe Juden. Sie hatten nichts mit der Theaterwelt zu tun. Sie waren abgelegen. Losgelöst. Dennoch tolerierten sie die Obsession ihres Sohnes für die Schauspieler des Wiener Burgtheaters.

Auf Drängen eines dieser Schauspieler erlaubten sie ihm, seinen Job als Bankangestellter aufzugeben.

Er besuchte die Schauspielschule. Es war eine Katastrophe. Reinhardt war ein gehemmter Schauspieler. Er brauchte einen Bart. Er brauchte starkes Make-up. Erst dann konnten seine Talente zum Vorschein kommen. In Salzburg hatte er einige Erfolge, schloss lokale Freunde und machte sich einen Namen.

1894 lud ihn Otto Brahm nach Berlin ein. Brahm war berühmt dafür, Henrik Ibsens Drama nach Deutschland zu bringen. Reinhardt trat seinem Deutschen Theater bei. Er hatte bereits den Künstlernamen Reinhardt angenommen. Das war jetzt seine Identität.

Er lernte von Brahm. Er war mit ihm nicht einverstanden.

Brahm forderte den Naturalismus. Nichts simuliert. Nichts Fake. Auf der Bühne mussten die Schauspieler tatsächlich Nudeln und Sauerkraut essen. Reinhardt hasste es. Er hatte es satt, sich jeden Abend einen Bart ins Gesicht zu stecken. Er war des Realismus überdrüssig. Es fühlte sich für ihn tot an.

Stattdessen freundete er sich in Berliner Cafés an. Obwohl er schüchtern war, knüpfte er Kontakt zu jungen Künstlern. Sie starteten eine unbeschwerte Revue mit dem Titel „Schall und Rauch“. Reinhardt schrieb Skizzen dazu.

Es hat funktioniert. Das Publikum liebte es. Es entwickelte sich von einer lockeren Zusammenkunft zu einer ernsthaften Inszenierung. Im Jahr 1902 wurde es im Kleinen Theater untergebracht. Reinhardt plante eine komplette Spielzeit. Sein erstes Stück? Oscar Wildes Salomé.

Karriere in voller Blüte

Reinhardt verstand Macht. Er verstand Geld.

Als Brahm darüber wütend wurde, dass Reinhardt seinen Vertrag gebrochen hatte, widersprach Reinhardt nicht. Er zahlte ihm 14.000 Mark. Er beschwichtigte ihn. Anschließend übernahm er 1903 das Neue Theater.

Seine Karriere explodierte.

Bis Ende 1904 hatte er 42 Theaterstücke inszeniert. Die Branche hat aufgepasst. Der Durchbruch gelang ihm 1905, als er William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ inszenierte.

Es ging schnell. Licht. Fröhlich.

Davor waren Shakespeare-Inszenierungen schwerfällig. Andächtig. Schwer. Reinhardt brachte dem Text wieder theatralische Brillanz zurück. Das Publikum spürte es. Kritiker bemerkten es.

Er wurde über Nacht berühmt. Das Deutsche Theater bot ihm die künstlerische Leitung an. Er wollte keinen Job. Er wollte Eigentum.

Er kaufte das Theater für 1.000.000 Mark. Er war 32 Jahre alt. Er hatte den Höhepunkt erreicht.

Er baute den Raum um. Er führte die neueste Technologie im szenischen Design ein. Er gründete eine Schule. Er kaufte eine Taverne nebenan und baute daraus ein kleines Theater für intime Theaterstücke um. Er nannte das Konzept Kammerspiele.

Intimität. Technologie. Kontrolle.

Er blieb seiner Familie nahe. Sein Bruder Edmund litt an Depressionen. Reinhardt holte ihn nach Berlin. Er fungierte gewissermaßen als Psychiater. Er ließ Edmund im Theater arbeiten. Es hat ihm geholfen, sein Selbstvertrauen wiederzugewinnen.

Die Tournee begann 1907. Europa. Die Vereinigten Staaten. Das Deutsche Theater war überall.

1911 wurde „The Miracle“ in London uraufgeführt. Es spielte in New York City und in ganz Europa. Es war Reinhardts spektakulärstes Werk. Es war auch sein charakteristischstes.

Er war fasziniert von römisch-katholischen Riten. Durch gregorianische Gesänge. The Miracle hatte keinen dramatischen Dialog. Es waren über 2.000 Schauspieler, Musiker und Tänzer im Einsatz. Es war eine moderne Wiedervereinigung von Drama und Ritual.

„Es war reines Theater im archetypischsten Sinne.“

Während „The Miracle“ eine antike Einheit schuf, hauchte sein anderes Werk alten Klassikern neues Leben ein.

1910 inszenierte er Sophokles‘ „Rex Ödipus“. Dies leitete die erste groß angelegte Wiederbelebung des klassischen griechischen Dramas seit über 2.000 Jahren ein.

In der Spielzeit 1913/14 führte er Neuinszenierungen von zehn der 22 Shakespeare-Stücke auf, die er inszeniert hatte. Wenige Einstellungen. Minimalismus. Es löste ein großes Shakespeare-Revival aus.

Er beschäftigte sich auch mit der Oper. 1911 brachte er eine moderne Sichtweise in die Uraufführung von Richard Strauss‘ „Der Rosenkavalier“ ein. Das Libretto stammt von Hugo von Hofmannsthal.

Jahre später verwirklichte er seinen Traum. Er half beim Aufbau der Salzburger Festspiele.

1920 inszenierte er Hofmannsthals „Jedermann“ auf dem Domplatz der Stadt. Mit seiner Unterstützung wurde das Festival zu einer jährlichen Veranstaltung. Es weckte ein neues Interesse an mittelalterlichen Dramen. Das Vermächtnis von Max Reinhardt lag nicht nur in den Stücken, die er inszenierte. Es war in den Räumen, die er für sie geschaffen hat.

Das Ende einer Ära

1920 hatte Max Reinhardt genug. Er trat vom Regiestuhl am Deutschen Theater zurück und hatte nur noch gelegentliche Auftritte. Er wollte raus. Er kaufte ein Schloss in Österreich und hoffte, sich in seiner Heimat endlich heimisch zu fühlen. Es hat nicht funktioniert.

Sicherlich wurde sein Haus zu einem Promi-Zentrum. Doch das politische Klima in Deutschland hatte sich verschlechtert. Feinde machten seine Heimatstadt unwillkommen. So pendelte er zwischen Berlin, Wien und Salzburg. Ein Pendler in seinem eigenen Leben.

Als die Nazis 1933 die Macht übernahmen, hatte Reinhardt das Glück, im Ausland zu sein. Er schickte einen Brief an die neue deutsche Regierung. Es war eine seltsame Mischung aus Ego und Ironie. Er forderte sie auf, sein Theaterimperium einzunehmen. Er sagte das Ende der privaten Verwaltung für Kulturinstitutionen voraus. Er sah es kommen: Die staatliche Unterstützung würde bald verpflichtend sein. Er hatte recht.

Hollywood und die letzten Tage

Er arbeitete noch eine Weile in Europa. Dann kam 1938. Er zog in die Vereinigten Staaten.

Hollywood hat ihn erwischt. Er eröffnete dort eine Werkstatt. Bereits 1934 und 1935 hatte er eine Verfilmung von „Ein Sommernachtstraum“ gedreht. Er versuchte, Everyman in moderner Kleidung zu inszenieren. Er plante sogar eine komplett schwarze Produktion, die jedoch nie stattfand.

Das Ende war nicht großartig. Gesundheit versagt. Das Vermögen schwand. Er starb, ohne sprechen zu können. Still.

Der Regisseur als Künstler

Reinhardt war kein Theoretiker. Er hat keine Bücher geschrieben, in denen er seine Methoden erläuterte. Er war ein Pragmatiker. Er verließ sich auf seinen Instinkt. Aber dieser Instinkt hat alles verändert.

Vor ihm war der Regisseur kaum ein Konzept. Nur ein Koordinator. Reinhardt machte den Regisseur zur schöpferischen Kraft. Der dynamische Geist hinter dem Stück. Er hat nicht nur Inszenierungen inszeniert. Er hat sie geformt.

Sein Leben spiegelte seine Tragödien wider. Entstehen. Ein Sturz. Exil.

Er heiratete zweimal. Zuerst zu Else Heims. Eine sinnliche Schauspielerin. Sie hatten zwei Söhne. Dann Helene Thimig. Auch Schauspielerin. Auch schüchtern. Sie hatte die gleiche innere Kraft wie Reinhardt. Widersprüchliche Erscheinungen.

Er war ein Introvertierter, der extrem extrovertiert sein konnte. Er lachte wie Falstaff. Er hasste die Sentimentalität anderer Menschen. Dennoch war er selbst voll davon. Wiener Sensibilität. Deutsche Disziplin. Kosmopolitisches Flair.

Er fasste das Theater seiner Zeit zusammen. Und öffnete die Tür für den nächsten.